Schatz, wir müssen reden! Warum dieser Satz sofort den Fluchtreflex auslöst…

Schatz, wir müssen reden!

Ich kenne keinen anderen Satz, der so zuverlässig zum schlagartigen Einsetzen des Fluchtreflexes führt, wie dieser!

„Schatz, wir müssen reden!“ – wenn ich diesen Satz höre, gehen bei mir sofort die Warnlampen an. Hilfe, ein unangenehmes Gespräch droht! Mein Magen krampft sich zusammen, im Hals fängt ein dicker Klumpen an, sich breit zu machen, und irgendein kleines Teufelchen flüstert mir ins Ohr: „Was heißt da „müssen“? Du musst überhaupt nichts. Und schon gar nicht reden…“

Auf nichts reagieren die meisten Menschen so allergisch wie auf Forderungen.

Jetzt bedrückt Dich aber etwas und Du möchtest das wirklich gerne mit Deinem Partner besprechen. Dass die obige Formulierung nicht besonders erfolgsversprechend ist, weißt Du. (Spätestens, seit Du angefangen hast, diesen Artikel zu lesen. 😉  ) „Können wir bitte mal reden? Ich möchte Dir was sagen.“ – so oder ähnlich lautet dann vielleicht Deine Kontaktaufnahme.

Das Ergebnis? Hmmmm, kommt darauf an, was der andere hört.

Bitte oder Forderung?

„Aber ich habe doch „Bitte!“ gesagt. Und trotzdem hat er es nicht gemacht…“

Ja, das kann gut sein. Denn vielleicht hat er trotz Deiner höflichen Formulierung keine Bitte gehört, sondern eine Forderung. Das passiert ganz schnell.

Denn die Formulierung ist bei der Unterscheidung zwischen Forderung und Bitte zweitrangig. (Wohlgemerkt zweitrangig, nicht egal!) Wichtig und ausschlaggebend ist Deine Haltung dahinter!

Eine Bitte lässt Deinem Partner die Wahlfreiheit, ob er ihr nachkommen möchte. Bitten sind ergebnisoffen, wie man so schön sagt. Auch ein „Nein“ als Antwort wäre okay. Die Bedürfnisse Deines Partners werden berücksichtigt.

Bei einer Forderung dagegen hat Dein Partner keine Wahl. Erfüllt er die Forderung nicht, muss er mit negativen Konsequenzen rechnen. Und sei es nur mit einem bissigen Kommentar von Dir. Was er selber will, wird nicht mit einkalkuliert.

Mach‘ den Selbsttest!

Es gibt eine ganz einfache Möglichkeit herauszufinden, ob Du eine echte Bitte ausgesprochen hast oder ob es eigentlich doch eher eine Forderung war.
Naja, ganz so einfach ist sie vielleicht doch nicht. Das gebe ich zu. Denn sie verlangt eine große Ehrlichkeit von Dir. Eine Ehrlichkeit Dir selbst gegenüber.

Das Gute daran ist, dass Du Deine Erkenntnisse ja mit niemand teilen musst. Es braucht Dir also nichts peinlich sein. Du musst Dich auch für nichts rechtfertigen. Ziel ist erst einmal nur, dass Du ein Gespür dafür entwickelst, in welchem Bereich von Bitte und Forderung Du Dich bewegst.

Bereit? Okay, dann atme noch 2x tief durch und los geht‘s!

Stell‘ Dir vor, Du hast Deinen Partner um etwas gebeten und er hat Deiner Bitte nicht entsprochen. Wie reagierst Du darauf?

  • Was fühlst Du?
  • Was denkst Du?
  • Bist Du traurig? Sauer? Oder frustriert? Wütend?
  • Gibst Du dem anderen die Schuld?

Dann war es vermutlich doch eher eine Forderung als eine Bitte.

Oder reagierst Du mit Verständnis? Ist Dir bewusst, dass Dein Partner eigene Bedürfnisse hat, die nicht immer mit Deinen Wünschen übereinstimmen? Kannst Du verstehen (oder versuchst Du zu verstehen), dass er manches nicht machen möchte? Oder zumindest nicht zu dem Zeitpunkt, zu dem Du es gerne hättest?

Normalerweise sind unerfüllte Bedürfnisse Deines Partners der Grund dafür, dass er eine Bitte von Dir ausschlägt. Er macht das nicht aus Bösartigkeit, weil er Dir eins auswischen will oder weil er Dich nicht liebt.
Er macht das, weil er Dinge anders einschätzt als Du. Weil er ihnen andere Prioritäten gibt als Du. Weil er ein anderes Zeitgefühl hat als Du. Weil er…

Du merkst schon, es gibt viele „Weils“. Dir fallen bestimmt selber noch einige ein.

Schlechte Erfahrungen wirken als „Hörverstärker“

Um Dich jetzt mal wieder ein bisschen zu entlasten: es gibt auch Faktoren, die völlig außerhalb Deines Verantwortungsbereiches liegen.

Zum Beispiel, wenn jemand in seiner Vergangenheit häufig Erfahrungen mit Menschen gemacht hat, die über seine Wünsche und Bedürfnisse hinweggegangen sind oder die ihn zu etwas gezwungen haben. Dann kann es sein, dass er Deine ehrlich gemeinte Bitte trotzdem als Forderung auffasst. Und automatisch in Abwehrhaltung geht.

Hier ist besonderes Fingerspitzengefühl gefragt. In dem Fall heißt es für Dich zu erforschen, wie Du etwas formulieren solltest, damit Dein Partner die Bitte dahinter hören kann. „Wie kann ich Dir sagen, was ich von Dir möchte, ohne dass es für Dich so klingt, als wäre mir egal, was Du willst? Als wollte ich Dich herumkommandieren?“

Falsche „Sprache“

Okay, hast Du ein bisschen durchgeschnauft? Dann lass und jetzt nochmal schauen, was Du aktiv tun kannst, um Deinen Bitten zu mehr Erfolg zu verhelfen.

Oben habe ich geschrieben, dass die Formulierung nur eine untergeordnete Rolle dabei spielt, ob etwas als Bitte oder Forderung aufgefasst wird.

Aber natürlich trägt auch die Art und Weise, wie Du etwas sagst, dazu bei, ob der andere überhaupt verstehen kann, was Du von ihm möchtest.

Sehr hilfreich ist hier zum Beispiel die Verwendung von Ich-Botschaften. In meinem Blogartikel „Ich will, dass Du Dich änderst!“ findest Du einige Tipps dazu.

Es kann auch sein, dass Du einfach bestimmte Worte und Satzkonstruktionen benutzt, die Dein Gegenüber nicht gut hören kann. Viele Menschen reagieren mit Widerstand auf Direktiven, also Aussagen wie „Nenn mir einen möglichen Termin für ein Gespräch!“. Eine Frage führt hier eher zum Erfolg: „Wann hast Du Zeit für ein Gespräch?“ Andere reagieren eher auf ein „Hey, lass uns doch mal wieder ein cooles Partnerbrainstorming machen. Haste Bock und Zeit?“

Schau‘ doch mal in den Beitrag „Knnrrzz – Störgeräusche stören Ihre Kommunikation?“ (älterer Beitrag, deshalb noch in Sie-Form geschrieben). Dort findest Du Beispiele.

Zwiegespräch statt Zwietracht

Eine tolle Möglichkeit, kontinuierlich miteinander im Gespräch zu bleiben, ist das Zwiegespräch nach Michael Lukas Moeller. Ihr trefft Euch dabei regelmäßig einmal pro Woche für 1,5 Stunden. Jeder erzählt dem anderen das, was ihn gerade bewegt.

„Keine Fragen. Keine Ratschläge. Jeder über sich.“ Das sind wichtige Voraussetzungen für erfolgreiche Zwiegespräche. Diese folgen darüber hinaus einer festen „Grundordnung“, wie Moeller es nennt. Ohne einen festen Rahmen gelingen die Gespräche nicht. Und außerdem möchtest Du ja den „Fluchtreflex“ vermeiden…

Wie das mit den Zwiegesprächen genau geht, erzähle ich Dir aber mal in einem anderen Blogartikel. Das würde hier jetzt den Rahmen sprengen. 

Und so verabschiede ich mich für heute mit einer Bitte von Dir:

Bitte hab‘ den Mut, Dich selbst in Frage zu stellen! (Siehe „Mach‘ den Selbsttest!“.) Dann wirst Du schnell erleben, dass Deine geänderte Haltung einen großen Unterschied in der Reaktion Deines Partners macht.

Herzlichst,
Deine Barbara

PS: Wie immer freue ich mich, wenn Du Deine Überlegungen oder Erfahrungen mit mir bzw. den anderen Leserinnen teilst. Kommentare zum Blogbeitrag sind herzlich willkommen. Und wenn Dir das zu öffentlich ist, schreib' mir doch einfach eine E-Mail an info@stressfrei-kommunizieren.de

About the author

Barbara Wanning

Hallo, ich bin Barbara Wanning und seit 2009 habe ich mich endgültig dem Thema "Kommunikation" verschrieben. Denn nichts spielt für mich eine ähnlich große Rolle in privaten und beruflichen Beziehungen wie gehört und verstanden zu werden. Deshalb sorge ich in Trainings und Beratungen dafür, dass Missverständnisse und Beziehungsstress keine Chance mehr haben!

2comments
Anonymous - 9. Dezember 2019

Der Unterschied von Forderung und Bitte sollte schon in der Schule viel gründlicher geübt werden.
Aber da habens viele ja verpasst 😉

Reply
    Barbara Wanning - 11. Dezember 2019

    Ja, ich gebe zu, dass es da an mir vermutlich auch vorübergegangen wäre.
    Ich war nicht gerade die aufmerksamste Schülerin… 😉

    Reply
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